Ausgabe 11 / 3.2.2009

Wörter - nur Wörter! - nur Wörter?
von
Helga M. Dragosits
 

Wahrnehmung - Aufmerksamkeit
Energie geht dorthin, wohin sie gelenkt wird...

 

 

Alexandra David-Neel, die Erforscherin der äußeren und inneren Welten und Geheimnisse Tibets, hat zum Thema »Absicht - innere Kraft« eine Erzählung aus Tibet überliefert:

»Ein tibetischer Kaufmann zog jedes Jahr mit seiner Handelskarawane nach Indien. Die alte, fromme Mutter des Kaufmanns bat ihn eines Tages, ihr doch aus dem ‚heiligen Land‘ eine Reliquie mitzubringen. Indien ist für die Tibeter als Wiege des Buddhismus das ‚heilige Land‘. Der Kaufmann versprach es seiner Mutter, vergaß dieses Versprechen aber auf seiner Reise einzulösen. Tief betrübt war seine alte Mutter, als er nach Hause zurückkehrte. Im Jahr darauf bat die Mutter wiederum ihren Sohn, ihr von seiner Reise in das heilige Land eine Reliquie mitzubringen. Aber auch bei dieser Reise vergaß der Kaufmann, seiner Mutter den Wunsch zu erfüllen.
Als er bei der Rückkehr von seiner dritten Reise schon kurz vor seinem Heimatdorf war, fiel ihm voller Schreck ein, dass er wieder sein Versprechen nicht erfüllt hatte. Das grämte ihn, denn er wollte seine alte, fromme Mutter nicht schon wieder enttäuschen. Während er sich noch den Kopf darüber zerbrach, was er nun tun könne, fiel sein Blick auf den Wegrand, wo der Kinnbackenknochen eines Hundes im Staub lag. Da löste er aus dem ausgetrockneten Knochen einen Zahn heraus, säuberte ihn und steckte ihn in einen kostbaren Brokatbeutel. Zu Hause überreichte er seiner Mutter den Zahn als höchst kostbare Reliquie aus dem Mund des großen Sariputra. Die fromme Alte war hochbeglückt und verwahrte voller Achtung und Verehrung den Zahn in einem Schrein. Täglich entzündete sie Räucherwerk und ein Lämpchen vor dem Schrein, stellte Blumen davor und verrichtete Gebete. Bald kamen mehr und mehr Menschen aus dem Dorf und verrichteten auch ihre Andacht vor dem Schrein, ehrten den Zahn. Es dauerte nicht lange, da war der Hundezahn zur heiligen Reliquie geworden und fing an zu leuchten. Mit innerer Aufmerksamkeit und absichtsvoller Zuwendung kann man selbst einen Hundezahn zum Leuchten bringen« (David-Neel 1984:239)

In dem Kapitel geht es um „Wahrnehmung“ – indogermanische Sprachwurzel wardo oder waro was soviel wie aufmerksam werden bedeutet. Aristoteles unterschied die sinnliche Wahrnehmung – sensus – und die geistige Wahrnehmung – intellectus – als eine Art des einsichtigen Erfassens. Will ich aber etwas wahrnehmen im Sinne von erkennen, etwas gewahr werden, so kann das nicht getrennt werden. Ohne denken kann auch sinnlich nicht wahrgenommen werden. Wahrnehmung kann sich nicht nur auf die äußere oder nur die innere Welt beschränken. Geistige Wahrnehmung als direkte Wahrnehmung des Numinosen wird über die Sinne vermittelt – auch wenn die  wahrgenommene Erkenntnis aus einem abstrakten Raum kommt. Damit möchte ich zu meiner eigenen Geschichte der Wahrnehmung kommen.

»Ich beschäftige mich seit einiger Zeit mit meinen geistigen Begleitern. Dem Raben, der Spinne und seit mehr als einem Jahr auch mit meinem Begleiterengel. In Meditationen manifestiert sich so manches geflügelte Wesen. Schmetterlinge, Isis, Drachen aber kein Engel, der dem althergebrachten Bild des geflügelten Wesens entspricht. Da Geduld wohl eine Eigenschaft ist, an der ich sehr zu arbeiten habe, sagte ich mir immer ‚habe Geduld‘. Vergangene Weihnachten wurde meine Geduld belohnt. Ich erhielt unerwartet von einigen Menschen, auch von einigen, die mich kaum kannten, Engelfiguren in unterschiedlichster Darstellung geschenkt. Nun habe ich viele Engel und sie alle entsprechen wohl meinem Begleiterengel.«

Was haben diese Menschen nun wahrgenommen, was hat sie bewogen, mir diese Figuren zu schenken? Meine Energie, mit der ich mich dem Thema Engel widmete? Führte die sinnliche Wahrnehmung der anderen mich zum körperlichen gewahr werden, zum aufmerksam werden, zum geistig erfassen? Nun, sie sind da, sie sind vielfältig und sie erfreuen mich in ihrer unterschiedlichen Darstelllung. Eines haben sie gemeinsam – Flügel!

 Diese Geschichten stellen für mich wunderschöne Beispiele für „Energie geht dorthin, wohin sie gelenkt wird“ dar. Vielleicht ist das auch das Thema dieses Schreibens.

 Autor: Helga M. Dragosits

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