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Das Baumwesen

Mit verschmitzten Äuglein schaute es jedes Menschenwesen, das an seinem Baum vorbeikam, liebevoll an. Ja. Seinem Baum. Denn es bewohnte diesen Baum schon seit vielen, vielen Jahren. Mehr noch. Es hatte diesen Baum erschaffen und ihm sein Leben und seine Seele eingehaucht. Wurzeln, Blätter, Äste und die Tiere, die den wunderschönen Baum bevölkerten, waren seine Schwestern und Brüder. Das Baumwesen war sehr glücklich. Und natürlich wollte es sein Glück teilen, seine Freude verkünden, seine Liebe verschenken.

Der Baum stand am Ufer eines großen Sees in einer herrlichen Stadt. Viele Menschen nutzten den Weg an der Uferpromenade für einen Spaziergang, alleine, zu zweit, mit Kindern und Hunden. Es gab auch viele, die diesem modernen Sport, genannt Jogging oder Walking, frönten. Und was dem Baumwesen besonderes Vergnügen bereitete, waren die Entenbabies und Schwanenkinder, die im Frühling zusammen mit ihren Eltern rund um seinen Stamm Gras zupften oder sich zu einem Nickerchen in seinen Schutz legten.

In all den Jahren war dem Baumwesen etwas aufgefallen. Kein einziges der vorbeiflanierenden Menschenwesen schien etwas zu bemerken. Wohl betrachteten einige von ihnen den Baum, redeten sogar über ihn oder lehnten sich an seinen Stamm, um auf den See hinauszuschauen. Doch niemand nahm von ihm, dem lustigen Baumwesen, Notiz. Kein leuchtendes Erkennen in diesen Menschenaugen. Kein zartes Streicheln ihrer Hände über sein runzliges Gesichtchen. Kein fröhliches Hallo-Sagen.


Das Baumwesen wunderte sich darüber sehr. Denn es sagte allen Hallo, je nach Tageszeit auch 'Einen schönen guten Morgen' oder 'Guten Abend' oder manchmal auch 'Ist das nicht ein herrlicher Tag heute?' Des öfteren machte es auch Komplimente wie 'Deine Augen leuchten wie Sterne' oder 'Du hast wunderschön glänzendes Haar'. Feinfühlig und altersweise wie es sein Wesen war, bemerkte es auch, wenn ein Menschenwesen eine schwere Last zu tragen hatte oder gerade sehr traurig war. Dann flüsterte es dem Vorbeigehenden ein tröstendes und mitfühlendes Wort zu und liebkoste das Menschenwesen mit seinem weichen Atemhauch. Um auf sich aufmerksam zu machen, ließ es manchmal auch den Wind kräftig durch seine Blätter rauschen oder gab einem Vogelfreund das Zeichen, laut und kräftig zu jubilieren. Dann konnte es tatsächlich geschehen, dass so ein Menschenwesen stehenblieb, nach oben in die Krone des Baumes schaute und vielleicht sogar lächelte. Das freute das Baumwesen sehr. Und doch, noch immer wunderte es sich darüber, dass niemand seine Bekanntschaft machen wollte.

Mit der Zeit wurde unser Baumwesen ein bisschen traurig. Seine funkelnden Äuglein füllten sich mit Tränchen, und die liefen nun tröpfchenweise über seine Bäckchen. Sie füllten eine kleine Mulde im Baumstamm und dienten den Vögeln als labende Tränke. Und so kam es, dass ein süßes Rotkehlchen an der Quelle saß und das Baumwesen fragte: „Wieso weinst Du, liebes Baumwesen, es ist doch so ein wundervoller Tag heute, die liebe Sonne scheint, die weißen Wolken ziehen und das Wasser glitzert verheißungsvoll?“ „Ach“, antwortete da das Baumwesen, „ich bin traurig, weil kein Menschenwesen mit mir Freundschaft schließen will. Was auch immer ich anstelle, sie bemerken mich einfach nicht, und das ist schade, wir könnten es doch lustig haben miteinander.“ „Verstehe“, sagte das Rotkehlchen, es hatte aufgehört zu trinken und betrachtete das Baumwesen aufmerksam, „weißt Du, es ist nicht so, dass die Menschenwesen nichts mit Dir zu tun haben wollen, es ist halt so, dass nur Wenige ihre Herzen so weit geöffnet haben, um Dich zu sehen oder zu hören. Hab noch etwas Geduld, mein liebes Baumwesen, eine neue Zeit wird kommen, neue Menschenwesen werden erscheinen, Du brauchst gar nicht mehr lange zu warten.“

Da frohlockte das Baumwesen. Fortan tropften Tränchen der Freude in die kleine Wassermulde, sodass sein weiser Freund, das süße Rotkehlchen, auch weiterhin dem Baum am Ufer des großen Sees in der herrlichen Stadt einen Trinkbesuch abstatten konnte.

Und die Moral von der Glücksgeschichte? Das Baumwesen wartet auf DICH!

 

Text: Danila Shakira Giorni Niels

www.himmelsworte.ch

 

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